Ökumenischer Kirchentag 2003


Bericht von J.T.31. 8. 2003
Bericht von J.T.,
Lehrer, Ökumenisches Gymnasium,
über den 1. Ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003


Ich hatte ja keine Ahnung.
Ich hatte ja wirklich keine Ahnung, was mich auf dem ÖKT erwarten würde, selbst im Bus nach Berlin nicht.
Gut, ich war schon auf mehreren Kirchentagen gewesen (einen „frommen“ Kirchentag „unter dem Wort“ und einen Katholikentag (!) inklusive) , aber noch nie auf einem ökumenischen – nicht ganz überraschend: es war der erste – und auch noch so unvorbereitet: ich hatte vorher nicht einmal die Zeit gefunden, das Buch (!) mit den Veranstaltungsankündigungen auch nur aufzuschlagen.

Ich war auch schon mit diversen SchülerInnengruppen aus den verschiedensten Schulen und Altersstufen und zu den unterschiedlichsten Anlässen unterwegs, aber noch nie mit einer so gemischten Gruppe (Jahrgangstufen 9 – 13) mit so vielseitigen Interessen (in fast jeder Kirchentagsveranstaltung hätte jemand von uns sitzen wollen, schien mir).

Mir persönlich fiel wegen des (nicht unerwiderten ) Desinteresses der dafür eigentlich vorgesehenen Studentin die „Beaufsichtigung“ der fünf Teilnehmerinnen aus der Ökumene -AG der 9. Klasse zu. Wir haben dann schnell aus den jeweiligen Nöten eine Tugend gemacht: wenn die Schülerinnen schon mit einem ihnen fremden (!) Lehrer (!!) herumziehen mussten, dann konnten sie zumindest bestimmen, wohin es gehen sollte – wobei mir durchaus ein Vorschlagsrecht eingeräumt wurde, dass allerdings überfüllter Veranstaltungen wegen nicht zum Tragen kam.

Und so verdanke ich Franziska, Imke, Natascha, Nike und Sukeyna (mindestens) dreierlei:
Zum einen einen für mich ziemlich gruseligen Abend mit „Sacro-Pop“- Musik in der Waldbühne. Gruselig weniger, weil mir die Musikrichtung wenig zusagte (ich bevorzuge Blues, Soul – und an diesem Abend von der Bühne herab ausdrücklich und ausführlich verdammte Rockmusik gegenüber HipHop u.ä.m.); gruselig v.a. der abgründigen (Bekenntnis-)Inhalte wegen. (Typus: Wir erlösten sind / werden gerettet, alle anderen werden verdientermaßen zur Hölle fahren, und das ist gut so und für uns eine Grund tiefempfundener Dankbarkeit und Freude – eine so ergreifend schlichte und unterirdisch schlechte „Theologie“ habe ich lange nicht mehr über mich ergehen lassen müssen.)

Zum (ganz!) anderen wäre ich ohne diese 5 niemals am nächsten Tag zur Waldbühne zurückgekehrt, um den Dalai Lama zu sehen, da ich dort nach mancherlei Lektüre(n) wenig Neues und Weiterführendes erwarten konnte. Recht behalten - und weit gefehlt: Mit diesem Charisma (Ingredienzien: herzliche Freundlichkeit, warmer Humor, gedankliche Klarheit, schelmischer Witz) hat er mich beeindruckt wie seltenst sonst jemand. (Von einigen persönlichen Bekannten abgesehen, fällt mir da eigentlich nur Frère Roger aus Taize ein.) – Was seine Lehre betrifft, so war dieser Nachmittag das passende Gegengift zu den selbsternannten Aposteln des Abends zuvor, die allen (!) Andersgläubigen glückstrahlend das Jüngste Gericht und die diesem die obligatorisch folgende ewige Verdammnis versprochen hatten: Niemand möge sich mit anderen vergleichen, sondern sich mit sich selbst messen: alle seien, je für sich, gleich gut und richtig und wichtig. Jedem Lebewesen gehe es letztlich eigentlich nur darum, gut und erfüllt „glücklich“ zu leben. Und jeder Mensch möge versuchen, mit sich selbst ins Reine zu kommen. (oder zumindest mit sich, so wie man ist, leben zu lernen) und dabei andere, wo möglich, zu unterstützen, sie aber wenigstens nicht unglücklich zu machen. Am Ende bedankte er sich herzlich bei allen Anwesenden für ihr Erscheinen und ihre Aufmerksamkeit trotz der sengenden Hitze und entschuldigte sich allen Ernstes bei allen, denen er vielleicht mangels neuer Erkenntnisse ("Wir sind alle gleich, alle Menschen, Sie und ich“) die Zeit gestohlen habe... mir nicht, dank Sukeyna, Nike, Natascha, Imke und Franziska.

Vor allem aber war die Zeit mit diesen Fünfen die – ohne Übertreibung – interessanteste, anregendste, spannendste, und lohnendste, die ich je mit mir bis dato völlig fremden Schülerinnen verbringen durfte, einfach hinreißend, umwerfend, wunderschön – und ich kann nur hoffen, dass ihnen meine Gesellschaft annähernd ähnlich gut getan hat wie die ihre mir – und dass es irgendwie weitergeht.
Außerdem gab es in Berlin Stunde um Stunde erquickende Bus- und Bahnfahrten, erhellende Nachtgespräche in der gastgebenden Grundschule, überraschende Wiedersehen, aberwitzig viele faszinierende Veranstaltungen und manches mehr; mir wurde sogar ein echtes Erweckungserlebnis zuteil: bei einer Gelegenheit habe ich mich kurz zum Ausruhen auf eine fst leere Wiese geleg, und als ich die Augen wieder aufmachte, fand ich mich umringt von einer fast repräsentativen Auswahl der TeilnehmerInnen dieses außergewöhnlichen Kirchentages: junge und alte Menschen, manche sommerlich(st) gekleidet, manche äußerst formell, ein Rollstuhlfahrer, zwei Mönche, eine kleine Gruppe Helferinnen und Helfer, u.a.m. – alle in gegenseitiger Toleranz auf diesem schönen Flecken Grün. Schön.

Einen Punkt möchte ich noch kritisch ansprechen: Ich halte es schlechterdings für eine Unding, wenn SchülerInnen eines Ökumenischen Gymnasiums, das sich ein christlich-religiöses Profil zuspricht, die an einem für alle anderen freien Wochenende freiwillig an einer fünftägigen Schulveranstaltung, Aufsicht und Regularien inklusive, teilnehmen, indem sie zum ökumenischen Kirchentag, den sie vorbereiten mussten, und nachher für alle Daheimgebliebenen in Wort, Bild, Ton und Internet darstellen müssen, nicht nur nicht für ein oder zwei Tage vom Unterricht befreit werden (wie unsere MitfahrerInnen im Bus), sondern auch noch im unmittelbaren Anschluss daran Klassenarbeiten und Tests zu schreiben haben. Wenn wir wirklich wollen dass Schüler und Schülerinnen initiativ werden und sich engagieren, dass sie motiviert und selbstorganisiert lernen und nicht nur Dienst nach Vorschrift machen, dann sollten wir sie dafür belohnen und nicht belasten.

Abschließend möchte ich mich bei allen bedanken, die uns diese Fahrt ermöglicht haben, sowie bei den TeilnehmerInnen selbst samt F.P., ohne die sie allenfalls halb so schön gewesen wäre- ich hoffe auf eine Wiedersehen mit möglichst vielen von Euch; in zwei Jahren in Hannover, oder jederzeit in Hamburg!

Autor: J.T.



Dieser Text stammt von der Webseite der Kirchentagsfahrer des Ökumenischen Gymnasiums zu Bremen, die unter der Adresse http://www.oegnet.de zu erreichen ist.

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