Ökumenischer Kirchentag 2003


Dorothee Sölle gestorben28. 04. 2003
Am 27. April 2003 verstarb Dorothee Sölle. Für viele Kirchentage war sie ganz prägend.
Ihren Lebensweg bezeichnete sie selbst als „nicht ganz ordentlich“. Sich selbst nannte sie ein „unartiges Kind“. Die Theologin wurde 1929 in Köln geboren und wuchs in einem bürgerlich-liberalen Elternhaus auf, in dem Bildung und Kultur mehr galten als Kirche und Religion. Mit sechzehn Jahren las sie Hölderlin, Shakespeare und Sophokles; mit der Bibel lebte sie erst später.
1949 begann sie alte Sprachen und Philosophie zu studieren. Dann wechselte sie – auch unter Einfluss des Zweiten Weltkriegs – zur evangelischen Theologie über.
In den letzten dreißig Jahren erschienen von ihr fünfunddreißig Bücher. Ihre Theologie ist nicht nur Argumentation, sondern auch Erzählung, Gedicht, Gebet – Theosophie.
In Deutschland erhielt sie nie einen Lehrstuhl. Von 1975 bis 1987 arbeitete sie am Union Theological Seminary in New York.
Als Schülerin schrieb sie in ihr Tagebuch: „Auf meinem Tisch liegt das Griechische Testament neben Jean Paul Sartres Fliegen. Was ist das Unheimliches, Tolles, Hohes, Tiefes, Gewaltiges, Großes?“
Für sie bedeutete Jesus die Richtschnur ihrer Theologie. Und das blieb so, auch wenn es Wandlungen ihrer Theologie gab (etwa in den letzten Jahren die Entdeckung der Mystik). Das Antlitz Jesu sah sie in all den gefolterten und den stumm Gemachten dieser Welt. Diese Wahrnehmung führte dazu, dass sie als Theologin immer wieder die Systeme an den Pranger stellte, die diese Opfer erzeugten: Militarismus, Imperialismus, Kapitalismus, Konsumorientiertheit.

R.G.



Der dritte weg

Wir sehen immer nur zwei wege
sich ducken oder zurückschlagen
sich kleinkriegen lassen oder
ganz groß herauskommen
getreten oder getreten werden

Jesus du bist einen anderen weg gegangen
du hast gekämpft aber nicht mit waffen
du hast gelitten aber nicht das unrecht bestätigt
du warst gegen gewalt aber nicht mit gewalt

Wir sehen immer nur zwei möglichkeiten
selber ohne luft zu sein oder andern die kehle zuhalten
angst haben oder angst machen
geschlagen werden oder schlagen

Du hast eine andere möglichkeit versucht
und deine freunde haben sie weiterentwickelt
sie haben sich einsperren lassen
sie haben gehungert
sie haben die spielräume des handelns vergrößert

Wir gehen immer die vorgeschriebene bahn
Wir übernehmen die methoden dieser welt
Verachtet werden und dann verachten
die anderen und schließlich uns selber

Lasst uns die neuen wege suchen
wir brauchen mehr phantasie als ein rüstungsspezialist
und mehr gerissenheit als ein waffenhändler
und lasst uns die überraschung benutzen
und die scham die die in den menschen versteckt ist


Dorothee Sölle





Dieser Text stammt von der Webseite der Kirchentagsfahrer des Ökumenischen Gymnasiums zu Bremen, die unter der Adresse http://www.oegnet.de zu erreichen ist.

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