ÖG @ ÖKT – Das Ökumenische Gymnasium auf dem Ökumenischen Kirchentag 2003
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Die Schafe sind ihren Hirten in Sachen Ökumene weit voraus.



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[Foto: Menschenmenge auf einem Kirchentag]
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Der erste Ökumenische Kirchentag endete vor 5613 Tagen am 1. Juni 2003. Seit dem Schlussgottesdienst vergingen 8.087.321 Minuten (das sind 134.789 Stunden).




Presse16. 10. 2018
„Ihr sollt ein Segen sein“

Wo das Herz der Hauptstadt schlägt – in Mitte, am Ku'damm, vielleicht am Potsdamer Platz oder doch anderswo? Wer sich auf die Suche danach begibt, muss wohl einfach am Alexanderplatz anfangen. "Eine Hand voll Menschen um den Alex. Am Alexanderplatz reißen sie den Damm auf für die Untergrundbahn. Man geht auf Brettern ..." Was dort – für Alteingesessene und Neuankömmlinge gut lesbar – mit riesigen Lettern an einer Häuserfassade geschrieben steht, entstammt Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz".

An den Autor, der in den zwanziger Jahren in dieser Gegend als Arzt praktizierte, wird mit dem überdimensionalen Zitat zu Recht erinnert – nicht bloß als Warnung vor vielen Baustellen. Vertraut mit den Nöten des Leibes und der Seele, hat dieser schreibende Doktor am offenen Herzen der Millionenmetropole eine schleichende Krankheit diagnostiziert: den heraufziehenden Nihilismus einer Massengesellschaft. Und zugleich entwickelt er eine Therapie für die Seele der Stadt. Sie heißt Hoffnung auf einen letzten Halt. Wenn es im Leitwort des Kirchentages heißt: "Ihr sollt ein Segen sein", dann ist damit auch gemeint, dass Christen für andere Zeugnis von ihrer Hoffnung abzulegen haben.

Berlin – das lässt sich so buchstabieren: nicht an der Ewigkeit bestehender Verhältnisse verzweifeln, sondern auf die Möglichkeit von Veränderung vertrauen. Vielleicht ist die ostwestliche Hauptstadt heute genau deshalb der richtige Platz, um einen großen Ökumenischen Kirchentag abzuhalten, weil sie häufig wie ein Seismograf funktioniert hat. Was für den politischen Bereich zutrifft, gilt auch auf religiöser Ebene: Die Entzweiung von Ost und West hat in der Stadt Spuren hinterlassen. Das zeigt sich an der Einstellung zur Gottesfrage. Dem Obrigkeitsstaat DDR ist es zwar nicht gelungen, seine Ideologie zu verwurzeln, wohl aber hatte er mit antireligiöser Agitation Erfolg.

Berlin war immer ein Kampfplatz der Gedanken, ein Krisenherd, eine permanente geistige Herausforderung. Darum sind die Kirchen gut beraten, vor dieser Metropole, die manchen als Moloch erscheinen mag, nicht davonzulaufen, sondern sich theologisch herausfordern zu lassen. Auch wenn sich in der deutschen Hauptstadt derzeit insgesamt weniger als die Hälfte der Einwohner zu einer Religionsgemeinschaft bekennen und nur 40 Prozent der Bevölkerung Getaufte sind, so wollen katholische, evangelische, orthodoxe und freikirchliche Christen heute gemeinsam ihren Glauben bezeugen und dadurch zu einem Segen werden.

In "Berlin Alexanderplatz" versucht ein kleiner Mann namens Franz Biberkopf im Gewirr der Großstadt festen Grund zu finden. Geschickt gruppiert der mit allen Schauplätzen vertraute Autor um den früheren Häftling ein Geflecht von Bildern und Anspielungen: Trubel, Zeitungsberichte, Werbeslogans, Schlachthausdunst, Kaschemmenphilosophie, Hure Babylon und Hiobsgestalt. Es ist kein Zufall, dass Döblin in seinem Text gerade den biblischen Hiob dem Horror des Nichts und der – von ohrenbetäubendem Lärm übertönten – Sinnleere der Metropole aussetzt. Natürlich weiß Biberkopf nichts von Nietzsches Satz "Das Eis, das heute noch trägt, ist schon sehr dünn geworden", aber Döblins Figur kann die Brüchigkeit des Daseins selbst fühlen.

Vom "Alex", dem urbanen Zentrum, das Franz Biberkopf einst durchstreifte, sind bloß archäologische Reste geblieben, aber mächtig viel Geschichte ist über den zugigen Platz hinweggefegt. Tatsächlich hat die Kapitale manch wüste Kapriole hinter sich. Reiche zerbrachen, aber die Stadt wurde immer wieder neu erfunden: als glamouröse Metropole der Goldenen Zwanziger, als Welthauptstadt "Germania", aber auch zweigeteilt als "Schaufenster" der freien Welt und sozialistische Mustermetropole. Wer ihren Hinterlassenschaften nachspürt, erkennt, dass es dabei immer auch um die Gottesfrage ging.

Als Wahrzeichen der Hauptstadt, das auf keiner Postkartenansicht fehlen darf, erhebt der Berliner Fernsehturm sein stolzes Haupt in einen Himmel, den sich seine raumfahrtbegeisterten Erbauer definitiv als gottlos dachten. Mit Augenzwinkern und Schmunzeln wurde daher – nicht nur von der Minderheit gläubiger Christen – wahrgenommen, wie das Sonnenlicht auf die Aluminiumkuppel dieser atheistischen Kathedrale ein weithin sichtbares Segenszeichen projizierte und dem Himmel über Berlin damit einen ganz besonderen Glanz gab und gibt: ein leuchtendes Kreuz über den Dächern der Stadt.

Die alte Ideologie, die einst in den Himmel baute, hat zwar längst abgewirtschaftet, aber wer genau hinsieht, erkennt, dass die von ihr hinterlassenen Leerstellen wieder gefüllt werden mit neuen Erlösungsvorstellungen – von biotechnologischen Züchtungserfolgen bis zur Forschung über künstliche Intelligenz. Zeitungen berichten von himmelstürmenden Großprojekten und dem Versuch, optimierte Menschen zu erschaffen: Alte Utopien werden von neuen Visionen überboten.

Was in der Wüste das Kamel, ist in Berlin fraglos die S-Bahn. Für den Ansturm moderner Nomaden ist dieses geduldige Massenbeförderungsmittel bestens gerüstet. Für den Pilger von heute geht es problemlos vorwärts. Im Eiltempo kann er die City nach Ost und West durchqueren und am Ku'damm "schnell mal" aussteigen, wenn er etwas braucht. Neben chemischer Reinigung mit Sofortservice, Schuh-Schnellreparatur, Last-Minute-Reisen und Fast-Food-Restaurants stehen hier auch religiöse Angebote zum alsbaldigen Abruf bereit.

Schon der flüchtige Blick in einen Buchladen gibt darüber Auskunft, dass die Esoterikszene höchst erfinderisch ist, um das Transzendente zu vermarkten. Neben Büchern über Buddhismus, Rutengängerei oder Zenmeditation finden sich auch Titel wie "Bayerische Hellseher", "Erregende Zeugnisse von Karma und Wiedergeburt" oder "Parabeln. Die esoterische Deutung der Gleichnisse Jesu".

Angesichts dessen bedeutet das Ein-Segen-Sein auch, mit Nachdruck daran zu erinnern, dass bereits auf den ersten Seiten der Bibel eine massive Entmythologisierung der abergläubischen Umwelt stattfindet. Die als göttlich verehrten Gestirne werden in der Genesis ausgesprochen profan charakterisiert: als ganz normale Lampen. Daran ist auch gegenwärtig zu erinnern, weil Gegenaufklärung und neue Mythologie Konjunktur erleben. Diese Mischung ist zugleich der Nährboden, aus dem neue Fundamentalismen ihre Kraft beziehen – der Versuch, das komplizierte Leben auf schlichte Antworten zu reduzieren und so erträglicher zu machen, ist genau das Gegenstück zu Nietzsches Horror vor dem Nichts.

Darum gehört es mit zum segensreichen Dienst der Kirchen, als kritische und tolerante, aber auch eindeutige Vertreter einer religiösen Tradition aufzutreten, die die Würde des Menschen verteidigt. Dazu gehört nicht bloß die Auseinandersetzung mit ethischen Herausforderungen, sondern auch die Eröffnung eines umfassenden Horizonts. Thomas von Aquin sagte das schöne Wort: Ubi amor, ibi oculus (wo Liebe ist, da ist auch dein Auge). Liebe macht also nicht blind, sondern sehend. Der christliche Glaube verdunkelt die Vernunft nicht, sondern eröffnet umfassendes Erkennen.

Lou Salomé, Nietzsches zeitweilige Begleiterin, hält in ihrem Tagebuch fest: "Wir erleben es noch, dass er als Verkünder einer neuen Religion auftritt, und dann wird es eine solche sein, welche Helden zu ihren Jüngern wirbt." Im Gegensatz zum Kult des Großen und Heldischen geht es bei Döblin klein und überschaubar zu. Er zeigt: Auch einer wie Biberkopf, der ganz unten angekommen ist, besitzt unverlierbare Würde und Größe – vor Gott.

Die Zeit der mittelalterlichen Städte mit ihren großen Kathedralen als Herzstücken ist passé. Aber noch immer gilt: An der Architektur lässt sich das geistige Profil einer Stadt ablesen. Es stimmt: Steine reden. Sie geben Auskunft auf die Frage: Wie sieht der Mensch sich selbst und seine Umwelt? Die Probe darauf lässt sich gegenwärtig am Potsdamer Platz machen. Er ist bequem mit der S-Bahn zu erreichen. Und bequem kann man dort essen, trinken und einkaufen. Ein Wachschutz verhindert, dass man mit lästigen Randexistenzen konfrontiert wird: Einer wie Biberkopf hätte dort keine Chance. Die Planer des Platzes haben auf traditionelle Vorgaben keine Rücksicht genommen. Glaube und Kirche kommen in ihrem Denken nicht vor. Hier scheint zu gelingen, was auf Dauer nicht einmal in der ersten "sozialistischen" Stadt der DDR, in Eisenhüttenstadt, gelang: eine erinnerungsfreie, definitiv säkulare City zu schaffen, die weithin sichtbar in den Berliner Himmel ragt.

Es waren gerade die großen Bedrohungen der letzten Zeit – Katastrophen, Terror und Kriegsangst -, die verdeutlicht haben: Allein am künstlichen Licht, das Einkaufstempel illuminiert, kann sich der unbehauste Mensch nicht wärmen. "Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten?", fragt Nietzsche. Zum Symbol für eine Welt, die nicht haltlos im All umhertaumelt, wird für den späten Döblin, der vor den Nazis fliehen muss, dagegen das Kreuz. Im Kreuz der Kirchtürme sieht er kein Schandzeichen, sondern ein Symbol, das Himmel und Erde verbindet. Das Kreuz erinnert ihn an die absolute Entäußerung Gottes, der selbst die Hiob-Rolle wählt.

"Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?", wirft der "tolle Mensch" ein. Döblin antwortet darauf in der berührenden "Schicksalsreise": Die Darstellung des Gekreuzigten, der bloße Anblick einer Kirche wird für den Gehetzten zum tiefsten Zeichen für die Sinnhaftigkeit des Lebens. "Ich brauche nicht in die Kirche zu gehen. Der Anblick der Kirchen erfreut mich. Denn da drin – weiß ich – hängt er am Kreuz. – Zwischen den beiden S-Bahn-Knotenpunkten Ostkreuz und Westkreuz gibt es in Berlin viele hundert Kirchen; sie sollen Suchenden gerade in diesen Tagen zu einem Segen werden.

Der Autor ist Mitinitiator der Guardini-Lectures an der Humboldt-Universität sowie Herausgeber und Autor mehrerer Bücher über Glaube in der säkularen Gesellschaft.

Autor: Thomas Brose
Quelle: Rheinischer Merkur
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